Foto der Woche: Elsterbecken, Ohana, Poesie, Pagode, 21. April 2013, 19:47 Uhr

23 Apr

Ob ich kurz auf sein Bier aufpassen könne, fragte mich am frühsommerlichen Abend des 21. April ein Radlerkollege am Zirkus-Imbiss „Zierlich Manierlich“ am Elsterbecken – er müsse nur kurz zum Gedichtautomaten.

Automat? Gedicht? Schrägen Blicks nickte ich ab, doch keine drei Minuten später sollte sich meine Skepsis in Überraschung verwandeln – als der Pedalenmann tatsächlich mit einer kleinen Kugel zurückkam. Inhalt: zwei zusammengerollte Zettelchen mit Versen drauf. Hä, Gedichtautomat?: „Ja, steht vorne an der Brücke – zwei Euro rein, zwei Gedichte raus.“

Münze rein - Gedichte raus: Pagode am Elsterbecken. Foto: Bernd Reiher

Münze rein – Gedichte raus: Pagode am Elsterbecken. Foto: Bernd Reiher

Ich war perplex und das scheinbar auch sichtlich, denn unter seiner Nase meißelte sich ein kleiner Triumphbogen in des Pedalkollegen Gesicht. Lange war es jedoch nicht, dass ich ihm diese Freude gönnen konnte – ich musste selber los und mich davon überzeugen, was es mit diesem Verse-Apparat auf sich hat.

Was mich dort erwartete? Eine Pagode, genauer die Nachbildung einer P., mit einem ehemaligen scheinbaren Kaugummiautomaten im Bauch. Aufgestellt am Fuße der Zeppelinbrücke an der Ostseite jenes Gewässers, das auch hier nicht Elsterflutbecken oder Elsterflutbett, sondern simpel Elsterbecken heißt. Geschaffen hat sie die Künstlerin Ruth Habermehl. Als Initiatoren werden die Stiftung Bürger für Leipzig und ein Zonta Club Leipzig Elster angeführt.

Zu den Hintergründen heißt es auf einem Hinweisschild: „Ohana, aus Traditionen Japans und Hawais abgeleitet, beschäftigt sich auf literarische Weise mit dem Fluss als Transportmittel. Die Leipziger Installation bietet die Möglichkeit, poetische Texte als geistige Wassertropfen ‚in Fluss‘ zu bringen.“ Die blaue Pagode bekleide einen Automaten. Statt Naschwerk gebe der nach dem Einwurf von 2-Euro-Münzen aber transparente Kapseln mit Texten über Mensch und Natur frei. Fünfzehn Poetinnen aus ganz Deutschland hätten sich mit Beiträgen beteiligt.

Was eine Pagode eigentlich ist, darüber heißt es in der Wikipedia übrigens: „Markantes, mehrgeschossiges, turmartiges Bauwerk, dessen einzelne Geschosse meist durch vorragende Gesimse oder Dachvorsprünge voneinander getrennt sind.“ Gebäude dieser Art seien in Vietnam, China, Nepal, Burma, Japan und Korea zu finden.

Ich hingegen stelle für mich nach dieser Begebenheit fest: Mit dem Begriff „Neuseenland“ verbindet sich mittlerweile weit mehr als es die Dauerbrennerthemen Auwald, Tourismus und Motorisierung vermuten lassen. Beispiele wie „Zierlich Manierlich“, Bootshaus Karl-Heine-Kanal, Spreekähne im Wildpark, das Miet-Floß auf dem Cospudener See oder eben die Pagode zeigen, dass es an den neuen Ufern neben Betontristesse und Ausflugskommerz auch viele kreative Projekte und weiter den Platz dafür gibt. Man muss ihn nur nutzen und die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Platz haben – und bei neuen Ideen etwas weniger skeptisch sein.
www.garten-leipzig.net

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