NuKLA: Warum AULA 2030 und was hat das mit dem UNESCO-Titel zu tun

26 Mrz

Pressemitteilung NuKLA (Natur und Kunst Leipziger Auwald) e.V.

Liebe Naturfreunde! Wie Sie sicher alle wissen, ist der Leipziger Auwald seit reichlich einem Jahr sehr in den öffentlichen Debatten präsent. Deutlich länger, aber nicht so öffentlich ist er im Fokus sehr unterschiedlicher Interesse und „Be-nutzungs-Visionen“: Mit dem WTNK „Wassertouristischen Nutzungskonzept“ für das Leipziger Neuseenland wurden bereits vor etlichen Jahren Tatsachen geschaffen, die, würden sie so, wie sie da stehen, 1:1 umgesetzt werden, definitiv das Ende des einmalig urbanen Auenökosystems bedeuten, das umgangssprachlich als „Leipziger Auwald“ bezeichnet wird. Dies ist mir – und nicht nur mir – im Laufe meiner immer tiefer gehenden Beschäftigung mit dem Thema auf alarmierende Weise klar geworden.

NuKLA e.V.: Vorsitzender und Sprecher Wolfgang Stoiber im Januar 2013. Foto: Bernd Reiher

Gewässerausbau in Salamitaktik – Auwald bedroht – Durch Unesco-Idee alle Rettungskräfte an einen TIsch: NuKLA-Sprecher Wolfgang Stoiber im Januar 2013. Foto: Bernd Reiher

Hinter der Idee des WTNK stehen Interessengruppen, die ihr Konzept der Motorisierung und Schiffbarmachung auch der sensiblen Auwaldgewässer mit – durchaus angefochtenen – Zahlen als profitabel vorrechnen: Mit mehr als 1.000 Schiffsbewegungen pro Tag würden die Investitionen refinanzierbar sein, mit jährlichen Einkommenseffekten im zweistelligen Millionenbereich wird ebenso argumentiert wie mit einem relevanten Anstieg von Arbeitsplätzen, ohne dass diese Zahlen wirklich begründet werden.Es ist zu befürchten, dass man bei den Planungen ähnlich vorgeht wie bei den Kostenvorausberechnungen für ähnliche Großprojekte (Citytunnel, Stuttgart 21).

Gegenteilige gutachterliche Aussagen werden gar nicht erst eingebracht, eine öffentliche Debatte unterbleibt, dass der Bürger, würde er befragt, sowieso nur dagegen sei, dient hinlänglich als Begründung für permanentes Ignorieren seiner Meinung.

Völlig außer Acht gelassen werden außerdem die zwingend in die Rechnungen einzubeziehende Investitionsfolge- und Unterhaltungskosten, die bei einem Großprojekt wie zum Beispiel dem Elster-Saale-Kanal oder dem darin geplanten Schiffshebewerk in beachtlicher Höhe auflaufen werden: weder gibt es Bemühungen, hier auch nur annähernde Zahlen zur Verfügung zu stellen, noch wurden oder werden diese Kosten überhaupt in die Diskussion gebracht. Stattdessen wird der avisierte Gewässerausbau (zum Beispiel auch derjenige, welcher die Auwaldgewässer betrifft) scheibchenweise als notwendig und zielführend „verkauft“.

Und jede diesbezügliche neue Investition wird damit begründet, dass ja bereits so viel Geld in die Renaturierung der ehemaligen Tagebaue geflossen ist, dass man jetzt nicht mit Investieren aufhören dürfe. Dabei wird geflissentlich verschwiegen, dass die Renaturierungen geschlossener Tagebaue den Tagebaubetreibern gesetzlich verpflichtend obliegt: Diese Gelder müssen fließen und sind bereits während der Förderung als Kosten eingestellt, also verdient – letztlich finanziert über die Bürger, die Energie aus dem Kohleabbau beziehen.

Es ist also ein demagogischer Taschenspielertrick, zu behaupten, man müsse die Gewässer (weiter) ausbauen für touristische Nutzung, damit die vorherigen Kosten – nämlich die für die Sanierung, die aber gerade keine Investitionen sind – gerechtfertigt wären.

Ich möchte an dieser Stelle keine Debatte über das offensichtlich schöngerechnete und machbargeredete WTNK eröffnen – allein die Zahl der notwendigen Bootbewegungen pro Tag spricht bei gesundem Menschenverstand für sich. Es erscheint mir allerdings wichtig, sich dieser Aspekte der Debatte zumindest bewusst zu sein.

Das Interesse am Thema „Leipziger Auwald“ bezogen auf dessen Schutzwürdigkeit und Nutzung geht quer durch alle Schichten der Leipziger Bevölkerung, allerdings eher diffus, emotional hoch besetzt und meist wenig fachlich fundiert.

Gleichzeitig bemühen sich seit der Wende Naturschützer darum, den Auwald wirksam zu schützen. Wiewohl es Erfolge gibt wie das Projekt „Lebendige Luppe“, existieren FFH- und Naturschutzgebiete im Leipziger Auwald, deren Umsetzung, aus welchen Gründen auch immer, auf sich warten lässt. Kostbare Auwaldfläche, die ein wichtiges Verbindungsstück an einer sowieso schon sehr schmalen Stelle zwischen nördlichem und südlichem Teil des Auwaldes ist, wird an einen Fußballverein verscherbelt, obwohl dieser selbst bereit gewesen wäre, sein Trainingszentrum an anderer Stelle zu errichten. Weitere schutzwürdige Gebiete könnten ausgewiesen werden, doch auch hier geschieht nichts. Dies in der Summe und vor dem Hintergrund des WTNK als rein zufällig einzuordnen, fällt schwer.

Und so werden Belange des Naturschutzes und einer ökologisch nachhaltigen Entwicklung der Region weiterhin in Politik und öffentlichem Bewusstsein vernachlässigt; der Naturschutz wird regelmäßig Wirtschaftsinteressen untergeordnet: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.“ So die indianische Weisheit.

Mit der UNESCO-Idee wollen wir das ändern und einen Bewusstseinswandel herbeiführen. (Ich beziehe mich auch auf Hermann Schefers: „Was es heißt, eine Welterbestätte zu sein: 7 Thesen zu einer vieldiskutierten Frage“.)

Der Schutz des einmaligen urbanen Auenökosystems „Leipziger Auwald“ soll der Maßstab des Handelns werden!
Die zentralen Aufträge der UNESCO – Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation – sollen bezogen auf den Auwald in den Fokus des öffentlichen Handelns rücken.

Daraus resultieren Erfordernisse wie die Erforschung und Vermittlung, das Erfordernis eines in jedem Falle dynamischen Prozesses der Aneignung sowie das Erfordernis der Herstellung von Bezügen zu vergangener, aktueller und zukünftiger Lebenswelt. Die Bedeutung eines Welterbe-Ortes wird damit sowohl Quelle als auch wichtigster Gradmesser für das, was an ihm und mit ihm geschieht und geschehen darf.

Wichtigste immaterielle Komponente eines Welterbe-Ortes ist das, was man als seine „Aura“ bezeichnen könnte, seine Bedeutung, die wegen ihrer hohen Verletzbarkeit unbedingt geschützt werden muss vor schleichender Entwertung und irreparabler Ver-Nutzung. „Welterbestätten sind per se Bildungsstätten“ (so H. Schefer), also Orte mit immanentem Auftrag zur Bildung. Hier sollten behutsame touristische Erschließung und ein pädagogischer Zugang zum Welterebe-Ort für Menschen allen Alters das Mittel des Wahl sein. Und nicht zuletzt steht der weltoffene Geist eines Welterbes in steter Verbindung mit dem Anliegen anderer Welterbe-Orte und ist damit lokaler und regionaler Vermittler der oben genannten globalen UNESCO-Anliegen.

So ist aus unserer Sicht das Bemühen um einen UNESCO-Welterbetitel eine überzeugende Leitidee für eine nachhaltige, naturverträgliche, das Verantwortungsbewusstsein der Menschen fördernde und fordernde Entwicklung – statt erhofften Massen-Wassertourismus, Motorbootverkehr und Vergnügungsparks als erstrebenswert zu erachten und deren Ausbreitung zu forcieren.

Aber wie kann man einen Bewusstseinswandel erreichen? Die Naturschützer haben einige Erfolge vorzuweisen, doch die schleichende ökologische Entwertung des Auwalds konnten wir alle bisher nicht stoppen. Und sollte das WTNK so, wie es da schwarz auf weiß steht, 1:1 umgesetzt werden, wird es kein Auenökosystem in der Stadt Leipzig mehr geben.

Unser Ansatz ist deshalb die Idee einer UNESCO-Bewerbung für die Auengebiete von Zeitz bis Halle mit dem einzigartigen urbanen Leipziger Auwald als Kern. Damit wollen wir erreichen, dass unsere Ziele zum Schutz der Auenlandschaften breiten Rückhalt finden bei Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Vereinen, Bürgern usw.

Das jedenfalls ist unsere Hoffnung; deshalb haben wir zusammen mit dem NABU-Regionalverband Leipzig “AULA” gründet, die “Arbeitsgemeinschaft zur Erarbeitung einer möglichen UNESCO Bewerbung für den Leipziger Auwald und Umgebung”, um mit Fachleuten, Naturschützern und anderen am Auwald Interessierten darüber zu beraten, was notwendig für den weiteren Schutz dieser Auenökosysteme ist und wie sich das realisieren lässt.

Es soll an dieser Stelle keinesfalls unerwähnt bleiben, dass es einige für den Auwald Engagierte gibt, die dieses Ansinnen nicht mit uns teilen. Darum möchten wir versuchen zu erklären, worum es uns geht: nämlich um einen umfassenden Schutz der noch existierenden Auenökosysteme in unserer Region, der getragen wird von ihren Bürgern. Diese besonderen Ökosysteme beherbergen – Dank vielfältiger Bemühungen von Naturschützern – noch immer oder wieder aufs Neue – eine beachtliche Vielfalt schützenswerter, z. T. vom Aussterben bedrohter Tier- und Pflanzenart. #

Deren Lebensräume zu erhalten und für die Zukunft zu sichern, ist Ziel unserer Aktivitäten. AULA will deshalb ein Konzept entwickeln, das Ökologie, Ökonomie und kulturelle Vielfalt berücksichtigt, Vergangenheit und Gegenwart für ein nachhaltiges Zukunftskonzept mit sanftem Tourismus verbindet und die Notwendigkeit des Auen-Landschaftsschutzes im Bewusstsein der Menschen verankert. Das gelingt nur mit breitem Rückhalt in Bevölkerung, Umweltverbänden, Politik und Verwaltung. Ganz am Ende steht das Ziel einer möglichen UNESCO-Welterbetitel-Bewerbung für diese Region in 15 bis 20 Jahren.

Davor steht der umfassende Schutz, der aber nicht erreicht werden soll durch den UNESCO-Titel sondern über ihn: Der Titel und seine Anliegen können das Vehikel, der Weg ist das Ziel, UNESCO-Titel ist nicht zwingend am Ende das Ergebnis, jedoch soll der Geist dieses Titels Träger einer Idee für die Zukunft unserer Region werden! Das Ergebnis soll ein Konzept für einen fachlich fundierten, ökologisch sinnvollen, nachhaltigen Auwaldschutz mit sanftem Tourismus sein.

Uns geht es darum, mit breitem Rückhalt Positives für die Auwaldnatur zu erreichen. Erst wenn es hier weitere deutliche Fortschritte gibt, wenn der Schutz der sensiblen Auwaldbereiche tatsächlich umgesetzt und gesichert ist, wenn es beispielhafte Projekte für eine naturverträgliche Touristenlenkung und Umweltbildung gibt, wenn die einmalige Verbindung von kulturellem und natürlichem Erbe deutlich wird und wenn es umfassende Konzepte für eine nachhaltige Entwicklung und Bewahrung dieses Schatzes gibt, erst dann könnte es eine UNESCO-Bewerbung geben!

Wir Initiatoren wollen nicht den UNESCO-Titel, weil wir uns davon einen besseren Auwaldschutz erhoffen. Stattdessen wollen wir den UNESCO-Titel und seine öffentliche Reputation nutzen, um mit mehr öffentlicher Beteiligung mehr Schutz für den Auwald bei den Verantwortlichen durchzusetzen. Unabhängig vom UNESCO-Titel soll den Menschen und allen Verantwortlichen klar werden, dass der Auwald ein kulturelles Erbe ist, das wir weit nachdrücklicher würdigen und schützen müssen, als es derzeit der Fall ist – damit uns dieser einmalige Schatz – in seiner ökologischen Vielfalt – nicht unwiederbringlich verloren geht.

Dazu wollen wir ein breites Bündnis für den Auwaldschutz bilden und würden uns sehr freuen, wenn möglichst viele Vereine, Verbände, Institutionen, Universitäten und Hochschulen, Politische und Kirchliche Vereinigungen, Unternehmen, Firmen, Ämter, Kommunen, Bürger-& Bürgerinnen sich daran beteiligen.

Das von uns und vielen schon lange geforderte „Auwaldkompetenzzentrum“, das alle umweltschützerischen und fachlichen Energien bezogen auf unser Leipziger Auenökosystem bündelt, ist in diesem langjährigen Prozess ein unerlässlicher, mittelfristig zu realisierender Baustein und entspricht inhaltlich dem, was wir mit der „Leipziger Arbeitsgruppe Auenökosystem“ als Teil von AULA meinen.

Genau hier, in der „Leipziger Arbeitsgruppe Auenökosystem“, können auch diejenigen, denen es um den Schutz des Leipziger Auwaldes geht, die sich aber mit der UNESCO-Idee nicht (oder noch nicht) anfreunden können oder wollen, einen Ort finden, in dem fachliche Kompetenz, naturschützerisches Engagement und ambitioniertes politisches Handeln dem Ziel einer ökologisch nachhaltigen Entwicklung einer Region und dem Erhalt der kostbaren Auenökosysteme für die kommenden Generationen den Weg bereiten!
Dazu laden wir ein!

(NuKLA e. V., Vorsitzender, Wolfgang E. A. Stoiber, 13. März 2013)

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