Paragraph-4-Kürzung, Charta 2030, Vertrauen: Das doppelte Dilemma des Leipziger Neuseenlandes

18 Jul

Landrat Gerhard Gey mit scheinbar herausgekrempelten leeren Hosentaschen vor dem Strandcafé am Markkleeberger See – ein unwürdiges Bild, das der Landkreisvater auf einem mit 17. Juli datierten Foto bei bild.de abgibt. Anlass für den ungewöhnlichen Auftritt des ansonsten stets um korrektes Aussehen bemühten Verwaltungsmannes: Die Absicht der derzeitig schwarzgelben sächsischen Landesregierung, für die Tagebausanierung zukünftig weniger Geld bereitzustellen. 20 Millionen seien für die nächsten Jahre vorgesehen, hieß es am selben Tag von der „dpa“. Laut Gey sieben Millionen weniger, als mindestens für den weiteren Ausbau rings um Leipzig gebraucht.

Damit könnten einige bereits angegangene oder in Planung befindliche Projekte auf der Kippe stehen. Ist man so naiv, den „Bild“-Schreiberlingen Glauben zu schenken, könnten dazu der Kanal zwischen Zwenkauer und Cospudener See sowie die „Wasserschlange“ zwischen Pleiße und Markkleeberger See zählen. Zwar weniger konkret heißt es aber auch in der Sächsischen Zeitung, dass damit nun die Finanzierung „für mehrere geplante Schleusen und Kanäle zwischen den neu entstandenen Seen“ in Frage stehe.

Da die schlechte Nachricht just ins ansonsten meldungsarme Sommerloch fiel, haben sich auch andere sächsische Medienhäuser mit dem Thema beschäftigen können. Was aber überall fehlte: die Frage nach den Zusammenhängen.

Warum gibt es heute ein Leipziger Neuseenland? Weil die neuen Seen einstmals Kohlegruben waren. Warum haben wir die Dörfer abgebaggert, um aus den Gruben Kohle zu holen? Um daraus zum Beispiel Energie zu machen. Wer hat entschieden, dass Orte wie Cröbern, Cospuden oder Magedeborn verschwinden, um die drunter lagernde Braunkohle zu fördern? Die Landesverwaltung beziehungsweise ihre Vorgänger. Wer wiederum hatte noch während des Landschaftsfraßes versprochen, dass darauf eine Wiedergutmachung mit Seen, Kanälen und Stränden folgt? Ebenfalls die Landes- beziehungsweise Bezirksbehörden. Wer aber fängt jetzt auf freier Strecke an zu knausern?

So gesehen eigentlich ein Unding, wenn die Gelder für die Tagebausanierung jetzt auf halbem Wege gekürzt werden sollen. Allerdings: Geht es nach Landrat Gey, könnte es noch Chancen für Nachbesserungen geben. Was er wiederum dringend bräuchte, um diese zu erhöhen? Tatkräftigen Unterstützungsdruck aus der Bevölkerung. Warum damit kaum zu rechnen ist? Weil es dafür engagierte Bürger braucht.

Auf solche aber kann nur eine Verwaltung bauen, die sich vorher Vertrauen erarbeitet hat. Allein an Stichworten wie „Bebauung Westseite Kulkwitzer See“, „Deichbaumfällungen Auwald“, „Golfhotel Cospudener See“, „Motorbootverkehr“, „Elsterstausee“ oder „Floßgrabenausbau Markkleeberg“ ist allerdings abzulesen, wie rüpelhaft mit diesem kostbaren Gut in den letzten Jahren der Gewässerentwicklung umgegangen worden ist.

Damit ist es schließlich gleich ein doppeltes Dilemma, das die leeren Taschen des Landrates auf dem unwürdigen „Bild“-Foto symbolisieren: Auf der einen Seite wird das Geld knapp, auf der anderen fehlt es an engagierter Mittäterschaft aus dem Volk. Die Verwaltungen des Neuen Leipziger Seenlandes stehen weiter vor großen Aufgaben. Nicht nur „bauen“ und „entscheiden“, sondern auch Worte wie „einbinden“, „Transparenz“ und „beteiligen“ haben auf der Erledigungsliste für die Zukunft ganz oben zu stehen. Eben: „Identifikation stiften “, wie Gey´s Amtsvorgängerin Petra Köpping es schon im Jahr 2009 formulierte.

Die am Montag von der Steuerungsgruppe Neuseenland vorgelegte „Charta 2030“ könnte ein Anfang dafür sein. Sie ist mit dem üblichen neuseenländischen Verwaltungs- und Marketingkauderwelsch gespickt – steht aber zum Mitmachen im Netz. Zeilen, zwischen denen eine deutliche Einladung zu lesen ist: Klarmachen zum Ändern.

www.charta-leipziger-neuseenland.de

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